Die Chancen kollegialer Beratung

Wenn Sie eine Führungskraft sind, kennen Sie das bestimmt: ein Mitarbeiter aus Ihrem Team ist zum wiederholten Mal zu spät gekommen. Und weil Sie wissen, wie schwer er es gerade privat in seiner Familie mit seiner kranken Mutter hat, haben Sie sich bei allem Ärger über das Zuspätkommen auf die Zunge gebissen und ihn nicht darauf angesprochen. Es nagt aber an Ihnen, Sie wissen, dass das Verhalten der einen Person voll zu Lasten der anderen Teammitglieder geht. Aber was machen Sie? Wann ist der Zeitpunkt gekommen, wann ist das Maß voll…? Vielleicht grübeln Sie zu Hause lange darüber nach und kommen zu keinem rechten Schluss. Würde es Ihnen nicht helfen, wenn Sie wüssten, wie andere in vergleichbarer Position mit so einem Verhalten umgehen?  

"Ratschläge sind auch Schläge"

Natürlich könnten Sie Ihre Leitungskollegen direkt ansprechen. Das Problem ist nur, den richtigen Moment zu finden. Rufen Sie an, ist Ihre Kollegin / Ihr Kollege vielleicht gerade mit einem völlig anderen Thema befasst und hat kein Ohr für Sie. Sprechen Sie sie oder ihn zwischen Tür und Angel bei anderen Sitzungen oder zufälligen Treffen an, ist die Person "kalt erwischt". Sicherlich bekommen Sie eine Antwort, aber eher aus dem Bauch heraus und vielleicht, ohne dass Sie dazu gekommen sind, den Sachverhalt komplett zu schildern. Oder es kommt ein guter Ratschlag "Da musst Du hart bleiben.". Gut gemeint, aber so ein Ratschlag erhöht mehr den Druck, dass Sie etwas falsch gemacht haben, als dass er Sie entlastet.

Impulse durch andere Sichtweisen erhalten

Kollegiale Beratung ist anders. Sie bietet einen strukturierten Rahmen, in dem innerhalb von 45 Minuten eine konkrete Fragestellung umfassend beleuchtet und Vorschläge entwickelt werden. Mit Kolleginnen und Kollegen auf gleicher Führungsebene, die Ihren Alltag kennen und verstehen, worüber Sie sprechen. Sie geben sich gegenseitig Impulse, nicht mehr. Aber auch nicht weniger! Die große Chance ist der Blick über den eigenen Tellerrand. Dabei geht es um die gegenseitige Unterstützung bei konkreten Fragestellungen im Alltag - nicht um theoretische Themen oder hypothetische Fragestellungen.

Strukturierter Austausch in eigener Regie

Die sogenannte kollegiale Beratung ist ein System, eine Struktur für ein Gruppengespräch. Zunächst klärt die Gruppe, wer eine Fragestellung einbringen möchte. Dann folgen festgelegte Phasen der Problemvorstellung, der Nachfragen zum Sachverhalt, der Hypothesenbildung und Entwicklung von Lösungsideen durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Das letzte Wort hat immer die "fallgebenden" Person, sie entscheidet, welche Aspekte sie annehmen und welche Ideen sie umsetzen möchte.

 

 

Die kollegiale Beratung hat keine externe Gesprächsführung. Sie erfordert und fördert die Disziplin der Gruppe im Hinblick auf grundsätzliche Einhaltung der vorgegebenen Struktur. Für jedes Treffen neu wird eine Moderation von der Gruppe festgelegt, z.B. rotierend. Eine weitere Rolle ist die des Zeitnehmers / der Zeitnehmerin.

Als Leitungskraft nicht länger allein vor allen Schwierigkeiten stehen

In der kollegialen Beratung lernen Sie von den Fragen der anderen. Und Sie lernen, Ihr Verhalten im Kontext mit den anderen Leitungspersonen einzuordnen. Sie merken, dass Sie mit ihren Fragen und Zweifeln nicht allein sind. Gemeinsam setzen Sie Maßstäbe.

 

Den Ablauf finden Sie in verschiedenen Portalen online. Ich empfehle ausdrücklich, die Einführung der kollegialen Beratung extern begleiten zu lassen. Dadurch haben Sie die Möglichkeit, den Ablauf in Ruhe kennenzulernen und werden sicher durch die verschiedenen Phasen geführt. Außerdem kann die eigene Moderation von Ihnen unter Beobachtung geübt und aufkommende Fragen können geklärt werden.

Coaching, Supervision oder kollegiale Beratung?

Die Antwort auf die Frage, ob kollegiale Beratung Coaching oder Supervision ersetzen kann, lautet klar „Jein“. Es kann eine Fallsupervision ersetzen, in der das fachliche Vorgehen in bestimmten Situationen oder Fällen erörtert wird. Eine Gruppensupervision, in der es um die Verbesserung der Zusammenarbeit geht, wird auf keinen Fall ersetzt. Ein Führungscoaching kann im oben beschriebenen thematischen Rahmen allerdings unterstützt werden durch den Reflexionsrahmen, den die kollegiale Beratung bietet. 

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