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"Ich führe auf Augenhöhe"

Vielleicht hast du diesen Satz schon selbst gesagt. Oder du hast ihn oft gehört.
Er klingt nach guter Führung, wie ein unanfechtbares Leitmotiv.

Dafür habe ich eine große Sympathie. Denn es steckt etwas sehr Wertvolles dahinter: Der Wunsch, nicht abgehoben zu wirken, Menschen ernst zu nehmen, nahbar zu sein.

Das ist alles richtig wichtig.

Und gleichzeitig beginnt hier die Spannung, die Führung anspruchsvoll macht.

Wenn wir von „Augenhöhe“ sprechen, meinen wir oft eine Haltung:

  • Ich will, dass meine Entscheidungen nachvollziehbar sind.
  • Ich möchte zuhören und wirklich verstehen.
  • Ich will nicht von oben herab sprechen.
  • Ich möchte als Mensch sichtbar sein – nicht nur als Rolle.


Und doch gibt es dabei einen blinden Fleck.

Denn Führung besteht nicht nur aus Beziehung. Sie bedeutet auch: eine andere Verantwortung zu tragen und eine andere Perspektive zu haben.


Während Mitarbeitende auf ihren eigenen Arbeitsbereich fokussiert sind, weitet sich mit Übernahme einer Führungsverantwortung der Blick:

  • auf das gesamte Team,
  • auf Zusammenhänge und Schnittstellen,
  • auf strategische Ziele,
  • auf wirtschaftliche Stabilität.

Da sind einfach unterschiedliche Perspektiven. Nicht besser oder schlechter – aber auch nicht gleich.


Daraus entsteht Spannung.

Vielleicht kennst du solche Momente:


Du bekommst eine Entscheidung aus einer höheren Ebene. Und dein Team ist damit überhaupt nicht einverstanden.
Du hörst zu und denkst: „Ich verstehe euch absolut.“
Und gleichzeitig weißt du: Die Entscheidung steht. Sie muss jetzt umgesetzt werden.


Du erklärst, ordnest ein, hörst zu, versuchst, ein Verständnis zu schaffen.
Und weißt eigentlich: Egal, wie gut du es machst – es wird nie für alle stimmig sein.

Manchmal wird es innerlich unangenehm.
Manchmal entsteht Unmut im Team.

Vielleicht richtet sich der Ärger sogar gegen dich, und deine Mitarbeitenden sind enttäuscht von dir.

Und das, obwohl du selbst anders entschieden hättest.

Genau hier zeigt sich, wie anspruchsvoll Führung wirklich ist.


Der Wunsch nach „Augenhöhe“ kann es dir in diesen Situationen sehr schwer machen.


Weil es dazu gehört, als Führungskraft zwischen unterschiedlichen Erwartungen zu stehen – loyal gegenüber Entscheidungen zu sein, gleichzeitig die Bedürfnisse des Teams ernst zu nehmen und außerdem die Arbeitsfähigkeit des Arbeitsbereichs zu sichern.

Du bist nah an deinem Team – und gleichzeitig Teil eines größeren Systems. Du nimmst die Menschen ernst – und kannst gleichzeitig nicht auf alle Wünsche eingehen und alle Erwartungen erfüllen.

Vielleicht möchtest du auch ehrlich und transparent sein – doch es gehört zu deiner Rolle, bestimmte Informationen zurückzuhalten.

„Auf Augenhöhe sein“ bedeutet nicht, dass Führungskräfte und Mitarbeitende auf derselben Position stehen – auch wenn sie sich menschlich und respektvoll begegnen.

Vielleicht hilft dir auch eine andere Formulierung:


„In Verbindung bleiben – bei klarer Rolle.“

Das kann bedeuten:

  • mir meiner Rolle und Verantwortung bewusst sein
  • Entscheidungen so transparent wie möglich zu machen und bewusst die Aufgabe der Vermittlerin anzunehmen
  • Zuzuhören – auch wenn ich nicht zustimmen kann
  • Menschen ernst zu nehmen, ohne falsche Versprechen zu machen

Und sicher auch: es auszuhalten, nicht immer Zustimmung zu bekommen.

Führung auf Augenhöhe zwischen Organisation und Team

Ich habe es selbst in Leitungsfunktionen erfahren und erlebe es in meiner Arbeit mit Führungskräften immer wieder, wie diese Spannung herausfordernd wird, gerade am Anfang.

Denn Führung bedeutet auch: Grenzen zu setzen, Spannungen zu tragen, nicht für alles Zustimmung zu bekommen. Und ein Stück Distanz zum Team auszuhalten.

Führung ist kein Persönlichkeitsmerkmal,
sie ist eine Rolle. Auch auf Augenhöhe.

Für heute habe ich eine Reflexionsfrage für dich:

Wo hält dich dein Wunsch nach Augenhöhe gerade davon ab, deine Rolle klar zu leben?

Wenn du magst, antworte direkt: Was geht dir spontan dazu durch den Kopf? Ich freue mich über deine E-Mail.